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Traditionelle Rollenbilder bestimmen weiterhin Bildungserfolg


Brüssel, 08.06.2010: Die Europäische Kommission hat heute eine neue Studie vorgelegt, die der Frage nachgeht, wie die Länder in Europa mit geschlechterspezifischen Ungleichgewichten im Bildungsbereich umgehen. Die Studie belegt, dass es sowohl bei der Studienwahl als auch beim Studienerfolg weiterhin Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Die für Bildung zuständige EU-Kommissarin Androulla Vassiliou erklärte: „Der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Bildungserfolg hat sich in den letzten 50 Jahren deutlich verändert und die Unterschiede präsentieren sich heute in viel komplexerer Form. Die Lehrkräfte sind überwiegend weiblich, gestaltet werden die Bildungssysteme aber von Männern. Die meisten Graduierten sind weiblich und die meisten Schulabbrecher männlich. Wir müssen die Gleichstellungspolitik auf diese Realität ausrichten.“

Die Studie der Kommission basiert auf der Arbeit des Eurydice-Netzes, das Bildungsdaten sammelt und analysiert. Sie deckt 29 Länder ab (alle EU-Mitgliedsstaaten – außer Bulgarien – sowie Island, Liechtenstein und Norwegen).

Wichtigste Ergebnisse:

Die größten Sorgen bereiten Geschlechterrollen und ‑stereotype

Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, verfolgen oder planen alle EU-Länder eine Politik der Gleichstellung im Bildungsbereich. Das wichtigste Ziel lautet, traditionelle Geschlechterrollen und –stereotype in Frage zu stellen. Darüber hinaus sollen mehr Frauen in Entscheidungsgremien gebracht, geschlechtertypische Schulerfolgsmuster durchbrochen und Belästigung aufgrund des Geschlechts in Schulen bekämpft werden (siehe Anhang, Abbildung 1). Regierungsinitiativen, die Eltern über Gleichstellungsfragen informieren und sie enger in die Förderung der Geschlechtergleichstellung im Bildungsbereich einbinden wollen, sind rar.

Mädchen erzielen in der Regel höhere Abschlüsse und bessere Noten bei Schulabschlussprüfungen als Buben, die häufiger die Schule abbrechen oder ein Schuljahr wiederholen. Internationale Studien zeigen, dass in rund einem Drittel der europäischen Bildungssysteme Jungen häufiger Leseschwächen aufweisen, während Mädchen eher in Mathematik schlechte Ergebnisse erzielen. Trotzdem ist der sozio-ökonomische Hintergrund nach wie vor der wichtigste Faktor.

Nur einige wenige Länder setzen dem Versagen von Buben eine politische Schwerpunktsetzung entgegen (die Flämische Gemeinschaft in Belgien, Irland und das Vereinigte Königreich). Noch weniger Länder haben spezielle Programme, um die Lesekompetenz von Jungen und das Abschneiden von Mädchen in Mathematik und den Naturwissenschaften zu verbessern (Österreich, Vereinigtes Königreich (England)).

Die Europäische Kommission begegnet geschlechterspezifischen Unterschieden im Bildungsbereich, indem sie die Kooperation zwischen EU-Ländern unterstützt und Programme finanziert. Der Kampf gegen soziale Ausgrenzung und die Ungleichbehandlung der Geschlechter ist ein zentraler Faktor, wenn es um die finanzielle Unterstützung der EU für multinationale Bildungsprojekte und ‑partnerschaften im Rahmen des Programms für lebenslanges Lernen geht.

Die geschlechtersensible Berufsberatung konzentriert sich auf Mädchen

Viele junge Männer und Frauen in berufsbildenden Schulen und im Sekundarbereich entscheiden sich noch immer für Berufe, die die traditionellen Geschlechterrollen widerspiegeln. Um dieses Problem in Angriff zu nehmen, braucht es bessere Berufsberatung und Berufsberater/innen mit mehr Gender-Bewusstsein, die Stereotype in Frage stellen können.

Gender-sensible Berufsberatung, die es derzeit nur in jedem zweiten europäischen Land gibt (siehe Anhang, Abbildung 2), richtet sich häufiger an Mädchen als an Buben und versucht meist, Mädchen Mut zu machen, sich für einen Beruf im Bereich Technik oder Naturwissenschaften zu entscheiden. Obwohl interessante Einzelinitiativen und Projekte bestehen, gibt es keine nationalen Strategien und Initiativen gegen Geschlechterstereotype in der Berufswahl, deren Zielgruppe Buben sind.

Maßnahmen im Hochschulbereich sind in erster Linie darauf ausgerichtet, den Anteil an Frauen in den Studienrichtungen Mathematik, Naturwissenschaften und Technik zu erhöhen

In fast allen Ländern stellen Frauen die Mehrheit der Studierenden und Graduierten. Frauen dominieren in den Bereichen Bildung, Gesundheit , Pflege und Fürsorge, Geisteswissenschaften und Kunst, während die Bereiche Technik, Produktion und Bau fest in männlicher Hand sind.

In rund zwei Dritteln der Länder gibt es im Hochschulbereich gleichstellungs­politische Maßnahmen (siehe Anhang, Abbildung 3). Fast alle Maßnahmen und Projekte sind ausschließlich auf Frauen ausgerichtet. Andrerseits sinkt der Anteil an weiblichen Universitätslehrkräften mit jeder Stufe der akademischen Karriereleiter. Trotzdem hat nur ein Drittel der Länder konkrete Maßnahmen umgesetzt, um dieses Problem der vertikalen Segregation in Angriff zu nehmen.

Maßnahmen, die auf beide Problemstellungen abzielen, werden in der Flämischen Gemeinschaft in Belgien, in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Schweden, dem Vereinigten Königreich und Norwegen umgesetzt.

Das Eurydice-Netz (www.Eurydice.org) bietet Informationen und Analysen zu den europäischen Bildungssystemen und -politiken. Es besteht aus 35 nationalen Büros in allen 31 Ländern, die am EU-Programm für lebenslanges Lernen teilnehmen (EU-Mitgliedsstaaten, EWR-Länder und die Türkei), und wird von der EU-Exekutivagentur für Bildung, audiovisuelle Medien und Kultur in Brüssel koordiniert und verwaltet. Diese Agentur ist unter anderem für Veröffentlichungen und Datenbanken zuständig.
Autor: Europäische Kommission in Deutschland
1411 Aufrufe
Stand: 8. Juni 2010
Erstellt: 8. Juni 2010

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