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Integration erfordert Bildung und Perspektive


Stuttgart, 07.05.2010: Die Gruppe der männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird von den politisch Verantwortlichen immer noch sträflich vernachlässigt. Dabei bedarf gerade sie wegen ihrer schlechten Bildungssituation besonderer Förderung.

Die Stellungnahme von MANNdat "Integration von Jungen mit Migrationshintergrund durch Bildung und Perspektive" zeigt die Versäumnisse der Politik auf, aber auch Möglichkeiten einer besseren Förderung speziell männlicher Migrantenjugendlicher:

Integration von Jungen mit Migrationshintergrund durch Bildung und Perspektive

Am 15. April 2010 veröffentlichte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Studie „Fortschritte der Integration“ für die fünf größten in Deutschland lebenden Ausländergruppen.[1]

In dieser Studie wird festgestellt, dass gerade die größte Gruppe, die der türkischstämmigen Mitbürger, auch die größten Integrationsprobleme aufweist. Diese Sachlage ist nicht neu, wurde aber seitens der Politik gerne ignoriert, insbesondere dann, wenn es um die Gruppe innerhalb der Migranten mit den größten Problemen ging – die der Jungen und Männer mit Migrationshintergrund. Bereits 2004 beschwerte sich MANNdat in einer Petition an den Bundestag über den Ausschluss der Jungen und Männer mit Migrationshintergrund aus Studien und Maßnahmen sowie über die mangelnde Datenlage allgemein. Speziell jedoch über den in den Jahren 2001 - 2004 mit großem Aufwand erstellten Bericht „Viele Welten leben“, der allein die Situation weiblicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund betrachtete.[2] Sowohl diese Petition als auch der Widerspruch des Vereins gegen die Ablehnung wurde vom Bundestag zurückgewiesen mit der Behauptung, dass es ausreichendes Datenmaterial gäbe.

Dass es sich dabei um eine unzutreffende Schutzbehauptung handelte, zeigte sich bereits ein Jahr später. In einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hieß es 2005:

"Die Qualität der im Bereich der Migration und der ausländischen Bevölkerung vorhandenen Datenquellen muss als nicht zufriedenstellend und verbesserungsbedürftig beurteilt werden. Die Datenlage im Bereich der Integration ist unübersichtlich und lückenhaft; es mangelt bislang an einer Einigung über relevante Integrationsindikatoren und Datenquellen.“

Auch diese und weitere Warnungen verhallten ungehört. Trotz des 2007 aufgelegten Integrationsplans [3], der viele, überaus zielführende Maßnahmenpunkte enthielt, gab es kaum nennenswerte und schon gar keine flächendeckenden Aktivitäten zu deren Umsetzung. So wundert es nicht, wenn die neueste Studie beklagen muss, dass dieser Integrationsplan bei den Adressaten – den Migranten – überwiegend unbekannt ist. Wie sollte es auch anders sein?

Kritisch anzumerken ist außerdem, dass mit dem Nationalen Integrationsplan 2007 (speziell mit dem Themenfeld 4.4. „Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern“) eine Integrationspolitik umgesetzt wurde, die als geschlechterspezifische Komponente wieder ausschließlich den Blick auf Mädchen und Frauen richtet – die die weitaus größeren Probleme von Jungen und Männern jedoch erneut und gezielt ignoriert.

MANNdat belegte in seiner Migrantenstudie Anfang 2008 nochmals die prekäre Bildungssituation von Migranten – insbesondere der männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. [4] Auch diese Informationen wurden ignoriert, was nicht verwundert, wenn selbst Warnungen von staatlicher Seite (beispielsweise die Bestätigung der mangelhaften Datenlage in der Studie „Bildungs(Miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen“) keine Wirkung zeigten.

Und auch in der Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums „Schlaue Mädchen –Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs“ vom September 2009 wird die Vernachlässigung von Jungen mit Migrationshintergrund thematisiert. Auf Seite 23 steht da:

„Vielmehr muss man festhalten, dass es kaum weiterführende Erkenntnisse zur Situation männlicher Jugendlicher mit Migrationsgeschichte, ihren Bildungsbiographien und ihren Formen der Lebensgestaltung zur Erklärung ihrer Misserfolge im Bildungssystem gibt.“

Natürlich ist die Integration in erster Linie eine Bringpflicht der immigrierten Mitbürger. Im Fall der türkischstämmigen Einwohner jedoch obliegt dem deutschen Staat eine besondere Verantwortung, da diese Menschen ursprünglich nicht als Asylanten kamen, sondern als Gastarbeiter nach Deutschland geholt wurden. Die jahrzehntelange Ignoranz der deutschen Politik hat hier zur Bildung einer Parallelgesellschaft geführt – mit allen Nachteilen für eine erfolgreiche Integration.

Doch auch der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag grenzt die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund aus. So heißt es auf S.77:

„Mit dem Programm "Integration durch Sport" wollen wir besonders Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund ansprechen, um sie als Teilnehmer und auch Übungsleiter zu gewinnen.

Wir wollen die Teilnahme zugewanderter Frauen und Mädchen aus allen Kulturbranchen am öffentlichen Leben fördern. Dafür brauchen wir eine Bildungs- und Ausbildungsoffensive für Migrantinnen.“

Auch hier wird wieder ignoriert, dass es die Jungen und Männer mit Migrationshintergrund sind, die die größten Probleme haben – sowohl schulisch als auch integrativ. Schwarz-Gelb führt damit die diskriminierende Integrationspolitik von Rot-Grün nahtlos fort.

Eine gute Ausbildung und vernünftige Zukunftsperspektiven erleichtern jedoch nicht nur die Integration. Sie verringern auch die Wahrscheinlichkeit für Radikalisierungen und sind damit eine gute Kriminalitätsprävention.

Wie sollen aber Grundschüler mit Migrationshintergrund in der Schule gute Lernerfolge erzielen, wenn sie nicht einmal verstehen, was gesprochen wird? Eine bundesweite Vorschulförderung wäre eine der wichtigsten Maßnahmen, wenn man die Integration ernsthaft voranbringen wollte.

Wichtig ist nach Ansicht von MANNdat aber auch, mehr die Gemeinsamkeiten als die Differenzen zu betonen. Maßnahmen, die gezielt als „Integrationsförderung“ daher kommen, können die Gräben, die man eigentlich zuschütten wollte, möglicherweise sogar vertiefen, wenn man die Adressaten der Förderung damit beschämt. Auch eine Vorschulförderung nur für Migranten suggeriert, dass es ausschließlich Migrantenkinder sind, die mit Entwicklungsdefiziten zu kämpfen haben. Das ist jedoch falsch, wie zahlreiche Studien belegen, denn es gibt auch mehr als genug Kinder mit deutschem Elternhaus, die beim Eintritt in die Grundschule sprachliche, motorische oder andere Entwicklungsdefizite aufweisen und deren Bildung dadurch erschwert wird.

MANNdat fordert deshalb von der Politik, endlich geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die dazu führen, dass Entwicklungsdefizite von Kindern zu Beginn der Grundschule weitgehend beseitigt werden.

Frau Merkel sagte zum Thema Integrration am 29. Januar 2009 in der „Welt“ [5], Zitat:

„Wir können auf kein einziges Talent in unserem Land verzichten.“

Wir stimmen dieser Aussage zu und möchten ergänzen: Wir können auch auf kein einziges männliches Talent in unserem Land verzichten. Das scheint aber in der Politik noch nicht angekommen zu sein.


Bildquelle: Pixelio.de/Bernd-Boscolo
Autor: MANNdat Geschlechterpolitische Initiative e.V.
1281 Aufrufe
Stand: 7. Mai 2010
Erstellt: 7. Mai 2010

Weiterführende Informationen:

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