Katalysejournal | Artikel Nr.: 17660

Nach wie vor verstrahlte Lebensmittel in Region um Tschernobyl Unabhängige Strahlentests zeigen dringenden Handlungsbedarf der ukrainischen Regierung auf


Wien, 11.04.2011: Ein Greenpeace-Expertenteam hat in den vergangenen Wochen in der Region rund um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl Untersuchungen über mögliche radioaktive Verstrahlung durchgeführt. Die Ergebnisse sind ebenso eindeutig wie erschreckend:

Wichtige Lebensmittel aus der Region sind 25 Jahre nach dem schweren Reaktorunfall immer noch radioaktiv verstrahlt.
Dennoch führt die ukrainische Regierung keine regelmäßige Überprüfung der Lebensmittel mehr durch. „Während die Welt gebannt nach Fukushima blickt, wird in Tschernobyl sichtbar, welch verheerende Folgen für Mensch und Umwelt ein solcher Reaktorunfall hat. Erschreckend ist vor allem, dass die Menschen mit den Spätfolgen völlig alleine gelassen werden“, kritisiert Niklas Schinerl, Anti-Atom-Sprecher von Greenpeace die Verantwortungslosigkeit der ukrainischen Behörden.

Um sich ein aktuelles Bild von der Situation vor Ort zu machen, ist ein Experten-Team der Umweltorganisation in die betroffene Region gereist und hat an mehreren Orten in den ukrainischen Bezirken Riwne und Shytomyr Lebensmittel auf Strahlung untersucht. Insgesamt wurden 114 Lebensmittelproben aus Supermärkten oder von lokalen Bauern analysiert, mit alarmierenden Ergebnissen. So überschreiten etwa 14 der insgesamt 15 Milchproben aus dem Dorf Drozdyn im Bezirk Riwne die zulässigen Cäsium-137- Grenzwerte für Kinder – teilweise sogar um mehr als das 16-fache. Vor allem Pilze sind nach wie vor schwer kontaminiert: Zwei Proben von getrockneten Pilzen aus dem Bezirk Shytomyr lagen deutlich über dem gesetzlichen Grenzwert. Die Pilz-Probe aus der Stadt Narodichi ergab einen Cäsium-137-Gehalt von 288.000 Becquerel pro Liter, was dem 115-fachen des zulässigen Grenzwerts entspricht. Auch bei Karotten und Kartoffeln wurden erhöhte Strahlenwerte festgestellt.

„Unsere Untersuchungsergebnisse machen deutlich, dass die Beendigung der regelmäßigen Überwachungsprogramme durch die Behörden verfrüht und für die Menschen in der Region gefährlich ist. Das wahre Ausmaß von Reaktorunfällen wird von den staatlichen Behörden scheinbar nicht ernst genommen oder sogar bewusst heruntergespielt“, so Schinerl und fordert eine gründliche, wissenschaftlich fundierte Bewertung der Radionuklid - Kontamination von Agrar-Flächen und angemessenen Maßnahmen bevor diese wieder landwirtschaftlich genutzt werden.

Vor 25 Jahren verursachte die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl eine großflächige Kontamination in weiten Teilen der heutigen Ukraine. In der Ukraine wurden 18.000 Quadratkilometer landwirtschaftliche Fläche und Schätzungen zufolge rund 40 Prozent der Waldfläche verstrahlt.

Das Hauptproblem: die Freisetzung, Verbreitung und nachfolgende Ablagerung von Cäsium-137, einem langlebigen Radionuklid , das sich in der Nahrungskette anreichert und damit Milch , Fisch und andere Lebensmittel kontaminiert. In den Jahren nach dem Unfall führte die ukrainische Regierung noch regelmäßige Analysen von Lebensmitteln in den betroffenen Gebieten durch und veröffentliche die Daten. Seit dem Jahr 2009 wurden trotz bestehender Spätfolgen keine Überprüfungen mehr durchgeführt.
Autor: Greenpeace Österreich
Aufrufe seit August 2009
Stand: 23. September 2011
Erstellt: 11. April 2011

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