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Senioren Schmerzmittel verweigert


Bochum, 11.10.2009: Viele Pflegeheimbewohner mit chronischen Schmerzen erhalten keine ausreichende Schmerztherapie: Nur gut die Hälfte der Betroffenen sind angemessen versorgt. Dieses erste Zwischenergebnis von PAiN, einem Kooperationsprojekt der Charité - Universitätsmedizin Berlin im Forschungsverbund ama (Autonomie trotz Multimorbidität im Alter), stellte Kirsten Kopke beim Deutschen Schmerzkongress in Berlin vor.



Die Forscher bemängeln auch, dass in vielen Pflegeheimen der "Nationale Expertenstandard zum Schmerzmanagement in der Pflege" nicht umgesetzt wird. Er legt u.a. die regelmäßige Schmerzerkennung und -einschätzung fest.

Viele Betroffene erhalten keine Therapie

In einer Vorstudie analysierten die Forscher Krankenkassendaten von 8.685 Pflegeheimbewohnern aus dem 2. Quartal 2007 anhand der drei Diagnosen nicht näher klassifizierte Schmerzen, Hüftarthrose und Nervenschmerz nach Gürtelrose. Bei 1.275 Pflegeheimbewohnern, etwa 15%, wurde eine dieser Diagnosen gestellt. Nur etwas mehr als die Hälfte (58,2%) der Betroffenen erhielt eine medikamentöse Schmerzbehandlung. Im Detail: Etwa ein Viertel der 602 (ca. 7%) Patienten, die an "nicht klassifizierten Schmerzen" litten, erhielt keine Schmerztherapie. Nur die Hälfte (48,3%) der 745 von Hüftarthrose Betroffenen bekam eine schmerztherapeutische Behandlung. Bei den Patienten mit Nervenschmerz nach Gürtelrose kam die empfohlene Therapie mit Antiepileptika oder Antidepressiva überhaupt nicht vor. Drei der insgesamt elf Betroffenen blieben ohne jegliche Schmerztherapie.

Stichprobe von 1.000 Patienten

Zurzeit werden die Daten aus dem gesamten Jahr 2008 vertieft analysiert, inklusive der durch Kassenärzte erbrachten Leistungen sowie Heil- und Hilfsmittel. Für die Analyse der geplanten Gesamtstichprobe von 1.000 Pflegeheimbewohnern im Rahmen einer Primärdatenerhebung ziehen die Forscher zahlreiche weitere Daten heran, unter anderem zur Angemessenheit der Schmerzmedikation, zur Schmerzverarbeitung, zur Selbstwirksamkeit, zur körperlichen Funktionsfähigkeit sowie zur subjektiv wahrgenommenen Autonomie.

Besorgniserregender Trend

"Bisher liegen vorläufige Ergebnisse von 205 Bewohnern aus 17 Pflegeheimen vor, die zwar nicht repräsentativ sind, aber einen Trend zeigen", erklärt Kirsten Kopke. So setzen vier der 17 Einrichtungen nicht den "Nationalen Expertenstandard zum Schmerzmanagement in der Pflege" um, obwohl dieser seit 2004 vorliegt und hohe Verbindlichkeit besitzt. In diesem Standard finden sich etwa Regelungen zur Schmerzerkennung und -einschätzung, zur Umsetzung der medikamentösen Schmerztherapie und der Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten, aber auch zu nicht-medikamentösen Maßnahmen. 137 Bewohner konnten zur Schmerzsituation Selbstauskünfte geben. Insgesamt gab fast jeder zweite Bewohner (77 von 137) Schmerzen an, 24 klagten über dauerhafte Beschwerden, elf von Ihnen leiden an zusätzlichen Schmerzanfällen. Von diesen dauerhaft Betroffenen hatten nur 14 Personen eine feste Schmerzmedikation, acht von ihnen zusätzlich eine verordnete Bedarfsmedikation. Allerdings verfügten 17 der verbleibenden 48 Bewohner mit hin und wieder vorkommenden Schmerzen ebenfalls über eine feste Schmerzmedikation und 18 von ihnen zumindest oder zusätzlich über eine Bedarfsmedikation. 15 Personen erhielten keinerlei Schmerztherapie. Nur sieben der 77 Schmerzbetroffenen bekamen ergänzende nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Schmerzreduktion in Form von Physiotherapie, Wärme/ Kälteanwendungen, Lymphdrainage und speziellen Lagerungen. "Dass zehn Personen, die dauerhafte Schmerzen beklagen keine regelmäßige medikamentöse Therapie erhalten und weitere 15 Bewohner überhaupt keine schmerztherapeutische Behandlung, ist besorgniserregend", so Kirsten Kopke.

Über das Projekt PAiN

Das Projekt PAiN richtet seinen Fokus auf das Phänomen Schmerz bei Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern über 65 Jahre. Dabei stehen die Wechselbeziehungen zwischen Schmerzen, Multimorbidität und Autonomie einerseits und die Zusammenhänge zwischen individuellen Ressourcen sowie medizinischen und pflegerischen Interventionen mit dem Schmerzgeschehen andererseits im Mittelpunkt der Forschung. Die Angemessenheit und die Qualität der schmerzbezogenen Arzneimittelversorgung von Pflegeheimbewohnerinnen und Pflegeheimbewohnern werden dabei besonders untersucht. Die Forscher nutzen zwei Zugangswege und Datenquellen: 1) Versichertendaten der Deutschen BKK, 2) Daten einer Zufallsstichprobe von 1.000 Bewohnern Berliner/ Brandenburger Pflegeheime. Eine Besonderheit ist die Integration auch stark kognitiv beeinträchtigter Personen in die Studie. "PAIN strebt eine umfassende Charakterisierung des Schmerzgeschehens bei Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern an, um daraus Konsequenzen für medizinische, therapeutische und pflegerische Interventionen sowie für strukturelle Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung der Autonomie trotz Schmerzen abzuleiten", so Kirsten Kopke. "Darüber hinaus werden der Gesundheits- und Sozialberichterstattung geeignete Zugänge zu einer Heimpopulation und Erhebungsinstrumente bereitgestellt."

Projektpartner und Förderung

PAiN ist ein Kooperationsprojekt des Instituts für Medizinische Soziologie und des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité - Universitätsmedizin Berlin und im Forschungsverbund ama - "Autonomie trotz Multimorbidität im Alter" angesiedelt. Es wird von Januar 2008 bis Dezember 2010 vom Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert.
Autor: Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS)
2242 Aufrufe
Stand: 11. Oktober 2009
Erstellt: 11. Oktober 2009

Weiterführende Informationen:

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